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Brockhaus
Name a Carl der zwölfte
ID b brhe•e01•r02•v01•b•C•Carl_der_zwölfte
Category c entry
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PageID w pag0229
Text α

Conversations-Lexikon (1. Aufl.), 2. Ausgabe, Erster Band A—E (1809), S. 229.

Carl der zwölfte, König von Schweden, ein Sohn Carls den XI. wurde 1682 geboren, und starb 1718. Dieser bizarr-große Mann, den man wenn auch nicht bewundern doch anstaunen muß, den die Natur mit großer Kraft ausrüstete, durch deren abenteuerlichen Gebrauch er jedoch den Namen des Nordischen Don Quixote erhielt, hatte einen glücklichen und edlen Wuchs, eine schöne Stirn, große blaue Augen, blonde Haare, eine weiße Gesichtsfarbe, aber fast gar keinen Bart noch Haare, und dabei ein seltsames unangenehmes Lächeln. Von Jugend auf zeigte er eine große Unerschrockenheit, [229]und setzte sich geflissentlich den größten Gefahren im Reiten und Jagen aus. Mit dieser Unerschrockenheit verband er auf die sonderbarste Weise eine gewisse Schüchternheit im gesellschaftlichen Umgange. Seinen Körper härtete er frühzeitig ab: er ist vielleicht der einzige Fürst, welcher der Liebe nicht opferte; auch trank er selten Wein. Er sprach wenig, war aber stets voller Gedanken, und im Arbeiten war er unermüdet. Er besaß alle Tugenden eines Helden, aber in einem Grade, welcher dieselben eben so gefährlich, als die entgegen gesetzten Laster macht. Seine Festigkeit ging bis zur Hartnäckigkeit; sie verursachte sein Unglück in der Ukraine, und hielt ihn fünf Jahre in der Türkei zurück. Seine Freigebigkeit artete in Verschwendung aus; sie ruinirte Schweden. Seine Herzhaftigkeit stieg bis zur Verwegenheit, und verursachte seinen Tod. Seine Gerechtigkeit ward oft zur Grausamkeit. Einmal beleidigt, kochte er unversöhnliche Rache: diese ließ ihn Kriege fortführen, die er vortheilhafter geendigt hätte; diese machte, daß er den Sächsischen von ihm gefangenen General Peykull enthaupten, und den ihm ausgelieferten Russischen General Patkul jämmerlich durchs Rad hinrichten ließ. Die Behauptung seines Ansehens näherte sich in den letzten Jahren der Tyrannei. Er war funfzehn Jahr alt, als sein Vater starb, nach dessen Testamente er bis ins achtzehnte Jahr unter der Vormundschaft seiner Mutter stehen sollte; allein er ließ sich noch dasselbe Jahr für majorenn erklären. Bei der Krönung nahm er dem Herzog von Upsal die Krone aus den Händen und setzte sich dieselbe selbst auf; man setzt als etwas besondres hinzu, daß er, während er die Krone aufgehabt, den großen Diamant aus derselben verloren habe. Die ersten Jahre seiner Regierung genoß Schweden einer vollkommenen Ruhe; Carl schien an keinen Krieg zu denken; wohl aber durch körperliche Uebungen sich auf denselben gefaßt zu halten. Allein Friedrich IV. König von Dännemark, Peter, Czaar von Moskau, und August, König von Pohlen, glaubten von seiner Jugend Vortheil ziehen zu können, und schlossen gegen ihn ein Bündniß: allein Carl, damals kaum achtzehn Jahr alt, überfiel sie alle nach einander; er belagerte Kopenhagen, und zwang in weniger als sechs Wochen Friedrich IV. zum Frieden: er marschirte hierauf wider die Russen, [230]und gewann (den 30. Nov. 1700) mit 8000 Mann die große Schlacht bei Narva gegen 80000 Mann Russen; er vertrieb (1701) die Sachsen aus Liefland und Curland, welches den König August dahin brachte, daß er selbst durch die berühmte Gräfin Königsmark den Frieden suchte, welche jedoch Carl nicht einmal sehen wollte; er ließ 1704 Stanislaus Lesczinsky zum König von Pohlen wählen; marschirte 1706 nach Sachsen, und nöthigte den König von Pohlen, sich in dem Frieden zu Altranstädt der Krone zu begeben. Dieß war der Zeitpunkt des höchsten Glücks der Schwedischen Waffen, welche jetzt ganz Europa Ehrfurcht einflößten. Peter, der nun noch sein Feind war, bot ihm sehr gute Friedensbedingungen an: allein Carls Rachsucht machte, daß er dieselben ausschlug; er wollte auch den Czaar aus seinem Reiche vertreiben. Er sah nicht ein, daß es eine ganz andre Sache sei, den König eines immer zu Factionen geneigten Staats – und den despotischen Beherrscher eines Reichs zu entsetzen, auf welches kein Mensch einen scheinbaren Anspruch machen konnte. Der bis jetzt zum Bewundern siegreiche Carl erfuhr jetzt die Laune des Glücks auf das allerempfindlichste. Die Schlacht von Pultawa stürzte ihn bald (1709) von dem Gipfel seiner Größe, und er entfloh mit weniger Mannschaft zu den Türken nach Bender. Jetzt erneuerte sich die vorige Alliance wider ihn, und König August zog noch dasselbe Jahr wieder in Pohlen ein. Unterdessen bemühte sich Carl mit der größten Hartnäckigkeit die Türken wider den Czaar aufzuhetzen, welches ihm auch endlich gelang. Der Czaar gerieth in große Gefahr dadurch, aus welcher er jedoch vorzüglich durch seine nachherige Gemahlin und Nachfolgerin Catharina gerissen wurde. Jetzt wünschten die Türken, ihren beschwerlichen Gast los zu sein; den 1. Febr. 1713 ging der seltsame Auftritt zu Warniza bei Bender vor, da Carl, den die Türken nunmehr durch Anrückung von 4000 Mann zur Abreise nöthigen wollten, sich mit seinen wenigen Leuten zur Wehr setzte, und nicht eher wich, als bis das Haus brannte und er gefangen wurde. Carls Unglück nahm immer zu; seine Feinde vernichteten seine Armee und nahmen ihm nicht nur seine sondern auch seiner Vorfahren Eroberungen. Nach seiner Zurückkunft aus der Türkei nach Schweden (1714), welche in den traurigsten Umständen [231]geschah, gerieth er an einen neuen Feind, den König von Preußen; auch England erklärte sich wider ihn. Dieses alles konnte jedoch seinen Muth und seine Entwürfe nicht niederschlagen; er trat vielmehr mit dem Czaar in geheime Unterhandlungen, deren Zweck gewesen sein soll, das ganze System von Europa umzuändern. Zu Folge dieser Tractaten suchte er Norwegen zu erobern: er belagerte Friedrichshall, die Belagerung war aber noch nicht weit gediehen, und nur ein kleines vorliegendes Fort erobert, als der König (d. 11. Dec. 1718, Abends um 9 Uhr) in den Laufgräben ganz allein auf den Rand des Grabens gelehnt aber noch stehend gefunden wurde; eine Kugel war ihm durch beide Schläfe gefahren, sie machte allen jenen Riesenprojecten ein Ende. – Nicht leicht war jemand unerschrockener als Carl. Als er eines Tages einem Secretair Briefe dictirte, fiel eine Bombe auf das Haus und zerbrach das Dach, und zerplatzte neben dem Zimmer des Königs. Bei dem Geräusch der Bombe, bei dem Krachen des Hauses fiel dem Secretair die Feder aus der Hand. „Was giebts?“ fragte ihn der König ruhig, „warum schreibst du nicht?“ Der Secretair war unfähig etwas andres zu erwiedern, als „ach, Euer Majestät, die Bombe!“ – „Ei“ versetzte der König, „was hat die Bombe mit dem Briefe zu schaffen? Schreib!“ Die ganze Welt kennt Carls Widerwillen gegen die Frauenzimmer, folgendes soll die Ursache davon sein. Kurz nach seiner Thronbesteigung hatte ihm ein Professor in Stockholm eine neue Erfindung in der Artillerie mitgetheilt. Carl ging deßhalb einmal des Morgens selbst zu dem Professor, welcher eben krank war. Als er wieder fortging, gab ihm ein sehr artiges junges Frauenzimmer das Geleite. Sie gefiel ihm; allein das Frauenzimmer wollte ihm die Freiheiten, die er sich mit ihr erlauben wollte, nicht gestatten. Diese Weigerung soll einen so starken Eindruck auf ihn gemacht haben, daß er das schöne Geschlecht auf immer von seiner Gesellschaft und von seinen Vergnügungen ausschloß.
TextLink β Conversations-Lexikon, Band 1 (1809), Carl der zwölfte
Scan γ Conversations-Lexikon, Band 1 (1809), Seite 229
Relatives
Wikipedia E de: Karl XII. (Schweden) | de: Karl XI. (Schweden) | de: Otto Arnold Paykull | de: Johann Reinhold von Patkul | de: Friedrich IV. (Dänemark und Norwegen) | de: Peter der Große | de: August II. (Polen) | de: Schlacht bei Narva | de: Aurora von Königsmarck | de: Stanislaus I. Leszczyński | de: Altranstädter Friede | de: Schlacht bei Poltawa | de: Bender (Stadt) | de: Katharina I. (Russland) | de: Varnița | de: Handgemenge von Bender | 1716 | de: Belagerung von Frederikshald
Links F [de.wiktionary.org] majorenn

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