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Brockhaus
Name a Antisemitismus
ID b brhe•e15•r01•v01•b•A•Antisemitismus
Category c entry
Attributes
PageID w pag530
Text α

Der Große Brockhaus (15. Aufl.), Originalausgabe, Erster Band A—Ast (1928), S. 530.

Antisemitịsmus, judenfeindliche Bewegung, die den jüd. [*Juden*] Einfluß auf wirtschaftl. [*Wirtschaft*], polit. [*Politik*] und geistigem Gebiet zurückdrängen will. Während früher eine Judenfeindschaft im wesentlichen nur des religiösen [*Religion*] Gegensatzes wegen bestanden hat, ist die antisemitische Bewegung aus wirtschaftl. [*Wirtschaft*]-sozialen [*Soziale Frage*] Motiven [*Motiv|1*] hervorgegangen und hat sich dann auf den Rasse [*Rasse•B*]gedanken gestützt.

In Deutschland kam der A. in den 1870er Jahren auf. Literarisch [*Literatur*] vorbereitet durch die Schriften von W. Marr, O. Glagau und E. Dühring, wurde er seit 1878 durch den Hof [*Hof|2*]prediger Stoecker, den Begründer der Christlichsozialen Partei [*Christlichsoziale_Partei|1*], in das polit. [*Politik*] Leben hineingetragen. Er gab den Anstoß zur Berliner Bewegung, die in den 1880er Jahren unter Stoeckers Führung [*Führung|1*] die Vorherrschaft der Fortschrittspartei in Berlin bekämpfte, und zur Entstehung der »Vereine [*recte Verein*] deutscher Studenten«. Von Bismarck [*Bismarck|3*] abgelehnt, hatten die deutschen [*Deutsch•A*] Antisemiten keine Erfolge und erschöpften sich in Richtungskämpfen. Während Stoecker den A. nur als eine wirtschaftl. [*Wirtschaft*]-soziale [*Soziale Frage*] Frage auffaßte, sonderten sich bald die reinen Antisemiten ab, die den Rassengegensatz immer schärfer betonten; sie spalteten sich in eine mehr konservative und eine mehr demokrat. [*Demokratie*] Richtung. Die erstere gründete unter Liebermann v. Sonnenberg [*Liebermann von Sonnenberg*] 1889 in Bochum die Deutschsoziale Partei, die letztere unter Boeckel und Zimmermann 1890 die Antisemitische Volkspartei, die 1893 den Namen Deutsche Reformpartei annahm. Die beiden Richtungen waren 1894—1900 in der Deutschsozialen Reformpartei [*Deutsche Reformpartei*] verschmolzen, gingen dann von neuem auseinander, schlossen sich 1903 mit noch anderen kleinen Gruppen [*Gruppe|4*] zu dem Fraktionsverband [*Verband|4*] der Wirtschaftl. Vereinigung [*Wirtschaftliche_Vereinigung|2*] zusammen und vereinigten sich 1914 abermals zu der von Werner [*Werner•B|6*] geführten Deutschvölkischen Partei [*Deutschvölkische Bewegung*]. Durch eifrige Agitation gewannen die Antisemiten eine zahlreiche Anhängerschaft in Hessen. 1893 gelangten 18 Antisemiten in den Reichstag [*Reichstag|2*]. Ihre Zahl sank aber dann allmählich. Das anfangs rein negative Programm des A. wurde immer mehr durch eine mittelständlerische [*Mittelstand*] Wirtschaftspolitik und durch den völkischen Gedanken ergänzt. Seit dem Weltkrieg lebten die antisemitischen Strömungen in Deutschland wieder auf; sie fanden besonderen Anklang in der Studentenschaft. Nach der Revolution von 1918 [*Novemberrevolution*] entstand der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund [*Deutschvölkische Bewegung*], der nach Rathenaus [*Rathenau|2*] Ermordung [*Mord*] 1922 aufgelöst wurde. Die bisherige Deutschvölkische Partei [*Deutschvölkische Bewegung*] war Ende 1918 in der Deutschnationalen Volkspartei aufgegangen. Im Dez. [*Dezember*] 1922 schufen v. Graefe [*Graefe|2*], Wulle und Henning die Deutschvölkische Freiheitspartei [*Deutschvölkische Bewegung*]; ihr schlossen sich vorübergehend Ludendorff [*Ludendorff|1*] und die Nationalsozialisten [*Nationalsozialisten|1*] Hitlers an. Im Mai 1924 wurden 32, im [*Dezember*] 1924 aber nur 14 Deutschvölkische [*Deutschvölkische Bewegung*] und im Mai 1928 12 Nationalsozialisten [*Nationalsozialisten|1*] in den Reichstag [*Reichstag|2*] gewählt, während die Deutschvölkischen [*Deutschvölkische Bewegung*] kein Mandat [*Mandat|4*] erhielten. (→ Deutschvölkische Bewegung, → Nationalsozialisten.)

In Österreich fand der A. seine Anhänger teils in der deutschnationalen Bewegung (v. Schönerer), teils unter den Klerikalen [*Klerikale_Partei|7*], die dann als Christlichsoziale Partei [*Christlichsoziale_Partei|2*] unter Lueger [*Lueger|1*] und Prinz Aloys Liechtenstein [*Liechtenstein|2*] 1895 die Mehrheit im Wiener Gemeinderat und im niederösterr. [*Niederösterreich*] Landtag erlangten, 1897 ihren Führer Lueger [*Lueger|1*] zum OBürgermeister [*Oberbürgermeister*] von Wien erhoben und zur stärksten bürgerl. Partei [*Bürgerliche Parteien*] Deutschösterreichs [*Deutsch-Österreich*] wurden.

In Ungarn ist der A. durch die Reaktion [*Reaktion|1*] auf die Räterepublik [*Räterepublik|2*] von 1919 sehr stark geworden und hat die Einführung eines Numerus clausus für die Zulassung von Juden zu Universitäten [*Ungarn|13_Unterricht_und_Bildungswesen*] erreicht.

In Rußland trat der A., durch religiösen [*Religion*] Fanatismus [*Fanatiker*] verschärft, zuerst mit den Judenverfolgungen (Pogromen) in Südrußland und Polen 1881 auf. Es folgte 1882 eine Beschränkung der Rechte der Juden. Die konstitutionelle Entwicklung [*Rußland•Geschichte|4*] des Zarenreichs brachte amtlich [*Amt*] eine Besserstellung der Juden, der aber die Verwaltungsorgane praktisch oft entgegenwirkten.

In Rumänien, für dessen jüd. [*Juden*] Bevölkerung durch den Berliner Kongreß von 1878 die staatsbürgerl. [*Staatsbürger*] Gleichberechtigung durchgesetzt wurde, ist es seitdem wiederholt zu pogromähnlichen Ausschreitungen gegen die Juden gekommen, so im Dez. [*Dezember*] 1927 seitens rumän. [*Rumänien*] Studenten in Siebenbürgen.

In Frankreich wurde der A. durch Drumonts Buch »La France juive« (1886) geweckt und durch die Panama- [*Panamaskandal*] und die Dreyfusaffäre genährt, so daß sich 1898 in der Deputiertenkammer [*Deputation*] vorübergehend eine kleine antisemitische Partei [*Partei|1*] bildete.

References δ
Leroy-Beaulieu: Les juifs et l’antisémitisme (1893, deutsch [*Deutsche Sprache*] 1901); Winter: Der A. in Deutschland (1896); Graf Coudenhove-Kalergi: Das Wesen des A. (1901, neue Aufl. 1923); Tolstoj: Der A. in Rußland (1909); Sombart: Die Juden und das Wirtschaftsleben (1911): Kautsky: Rasse und Judentum (2. Aufl. 1921); Fritsch [*Fritsch|6*]: Handb. der Judenfrage (29. Aufl. 1923); Feist: Stammeskunde der Juden (1925); Wawrzinek: Die Entstehung der deutschen Antisemitenparteien (1927); R. Seligmann u. a.: Art. A. (in der Enzyclopaedia Judaica, Bd. 2, 1928); — Zeitschriften. Der Hammer (hg. v. Fritsch [*Fritsch|6*], 1902 ff.), Abwehr-Blätter (hg. vom Verein zur Abwehr des A., 1891 ff.).
Relatives
Wikipedia E de: Judenfeindlichkeit | en: Antisemitism | fr: Antisémitisme

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